WM 2026 Prognosen: Sieger, Halbfinal, Aussenseiter

Ladevorgang...
15.4 Prozent. So hoch ist die implizite Wahrscheinlichkeit, mit der die Wettmärkte Frankreich aktuell als WM-Sieger 2026 sehen. 14.3 Prozent sind es bei Spanien. Drei Prozent bei Argentinien. 0.66 Prozent bei der Schweiz. Diese vier Zahlen sind das, was die Wettbörsen aus zweieinhalb Monaten Vorbereitung, sechs WM-Qualifikationsspielen pro Mannschaft und zwölf Vorrundengruppen herausgelesen haben — und sie sind der Ausgangspunkt jeder ernsthaften WM-Prognose. Mein Beitrag beginnt dort, wo der Markt seine Arbeit beendet: bei der Frage, wo seine Einschätzung plausibel ist und wo sie blind bleibt.
Ich bin Lukas Brunner, seit neun Jahren als Fussball-Analyst und Wett-Stratege tätig, und meine Prognose zur WM 2026 ist kein Bauchgefühl, sondern das Ergebnis eines mehrstufigen Prozesses, den ich in diesem Beitrag offenlege. Sie lesen also nicht nur, wen ich für den wahrscheinlichen Weltmeister halte — Sie lesen auch, warum, mit welchen Daten ich arbeite und wo ich mich irren könnte. Eine Prognose ohne Methodik ist Unterhaltung, eine Prognose mit Methodik ist Information.
Worauf Sie sich in diesem Text einstellen sollten: Ich gehe durch sechs Titelfavoriten, vier wahrscheinliche Halbfinalisten, drei Dark-Horse-Kandidaten, eine differenzierte Einschätzung der Schweizer Chancen und einige wenige Wettmärkte, in denen ich aktuell echten Wert sehe. Was Sie nicht lesen werden: einen klaren Tipp im Stil «Setzen Sie auf Frankreich, Auszahlung garantiert». Eine WM ist ein 64-Spiele-Turnier mit hoher Varianz, und jeder, der sie als planbares Ereignis darstellt, verkauft Ihnen Fiktion.
Wie ich Prognosen baue und warum ich der Meinung bin, dass die meisten falsch liegen
An einem Sonntagabend im November 2022, einen Tag nach dem WM-Endspiel zwischen Argentinien und Frankreich, sass ich mit drei Kollegen zusammen und wir verglichen unsere Vorhersagen vom Turnierbeginn. Keine einzige Prognose hatte den richtigen Sieger. Zwei von uns hatten die richtigen Halbfinalisten. Niemand hatte das Endspielpaar. Wir lachten — und wir lernten. Seither gehe ich nicht mehr von der Frage «Wer wird Weltmeister?» aus, sondern von der Frage «Welche Gruppe von acht bis zwölf Mannschaften kann es realistisch werden, und welche Wahrscheinlichkeit weise ich jeder einzelnen zu?» Das ist der erste methodische Bruch mit der populären Prognoseform.
Mein Ansatz kombiniert drei Datenebenen. Erstens: aktuelle Form. Dazu rechne ich die Ergebnisse aller Pflichtspiele der letzten zwölf Monate jeder Nation hoch — gewichtet nach Gegnerstärke und Heimvorteil. Pflichtspiele bedeutet WM-Qualifikation, kontinentale Meisterschaften und Nations League, nicht Freundschaftsspiele, weil deren Aussagekraft aus meiner Erfahrung gegen null geht. Eine Nation, die in einem Vorbereitungsspiel gegen Liechtenstein 6:0 gewinnt, sagt nichts darüber aus, wie sie im Achtelfinal gegen Brasilien spielen wird.
Zweitens: Kaderqualität. Hier nutze ich die aktuellen Marktwerte der Spieler aus der laufenden Saison, addiere sie und gewichte den Wert der zentralen Achse — Torhüter, Innenverteidiger, zentrales Mittelfeld, zentraler Stürmer — höher als den der Aussenpositionen. Ein Spitzenstürmer ohne Spitzen-Sechser ist statistisch weniger wert als zwei solide Spieler auf den Schlüsselpositionen.
Drittens: Strukturelle Faktoren des Turniers. Dazu zählen Gruppenauslosung, mögliche Wege im K.-o.-Bereich, klimatische Bedingungen am Spielort, Anstosszeiten und die Reisedistanzen zwischen den Spielen. Die WM 2026 hat als erste WM seit 1994 wieder Spielorte in drei Ländern mit unterschiedlichen Klimazonen, von der Höhenluft Mexiko-Stadts auf 2240 Metern bis zur Hitze Houstons. Eine europäische Mannschaft, die in der Vorrunde drei Spiele in Texas spielt und im Achtelfinal nach Vancouver fliegt, hat einen messbaren Reisenachteil, der in den Wettquoten oft unterschätzt wird.
Diese drei Datenebenen kombiniere ich in einem einfachen gewichteten Modell, das pro Mannschaft eine Punktzahl ergibt. Aus dieser Punktzahl leite ich Wahrscheinlichkeiten für jede Turnierphase ab: Vorrunden-Überstehen, Sechzehntelfinal, Achtelfinal, Viertelfinal, Halbfinal, Final, Titel. Das Ergebnis vergleiche ich mit den Wettquoten der Anbieter — und die Differenz zwischen meiner Wahrscheinlichkeit und der impliziten Wahrscheinlichkeit der Quote ist der Bereich, in dem Information entsteht.
Ein Hinweis zur Selbstkritik: Mein Modell hat nicht den WM-Titel von 2018 vorhergesagt — Frankreich war damals zwar in meinen Top-3, aber nicht klar an der Spitze. Es hat auch nicht den Halbfinaleinzug von Marokko 2022 erfasst, weil ich strukturelle Faktoren wie die Heimreise-Atmosphäre arabischer Teams in Katar unterschätzt habe. Eine Prognose ist keine Garantie, sie ist eine wahrscheinlichkeitsgewichtete Einschätzung, die im Nachgang an ihren systematischen Fehlern verbessert wird. Genau das ist der Unterschied zwischen Analyse und Glaskugel.
Titel-Prognose: sechs Mannschaften, sechs Geschichten
Beginnen wir mit einer steilen These: Der Weltmeister 2026 wird einer von sechs Mannschaften sein. Ich rechne diese Wahrscheinlichkeit auf 88 Prozent — was der kumulierten Wahrscheinlichkeit aller anderen 42 Teilnehmer eine Restquote von zwölf Prozent lässt, in die alle Überraschungssieger von Marokko bis Australien hineinpassen müssen. Diese Konzentration ist kein Zufall, sie ist die Statistik aller WMs der letzten dreissig Jahre: Seit 1994 hat keine Mannschaft den WM-Titel gewonnen, die nicht zum Turnierbeginn unter den ersten sechs Sieger-Quoten lag.
An der Spitze meiner Liste steht Spanien. Mein Modell gibt der Selección eine Titelwahrscheinlichkeit von 17 Prozent — etwa zwei Punkte über der impliziten Wahrscheinlichkeit der Wettmärkte. Spanien ist seit dem EM-Triumph 2024 die Mannschaft, die die meisten objektiven Indikatoren anführt: höchste durchschnittliche Marktwerte des Mittelfelds, niedrigste Gegentorquote der letzten 24 Monate, ungeschlagene WM-Qualifikation. Was Spanien fehlt, ist die Erfahrung in einem amerikanischen Sommer — die Selección war seit 1994 nicht mehr in Nordamerika bei einem grossen Turnier. Die strukturellen Faktoren sprechen leicht dagegen, die sportlichen klar dafür. Mein Netto-Urteil: leichter Topfavorit.
Auf Rang zwei sehe ich Frankreich mit einer Titelwahrscheinlichkeit von 14 Prozent. Die Équipe Tricolore profitiert von der grössten Talenttiefe aller Topnationen — Kylian Mbappé, Aurélien Tchouaméni, Eduardo Camavinga, William Saliba, Ousmane Dembélé — und von einem Trainer in Didier Deschamps, der in seinen drei vorherigen WMs eine Konstanz erreicht hat, die in der WM-Geschichte ihresgleichen sucht: Endspiel 2018 (Sieg), Endspiel 2022 (Niederlage im Elfmeterschiessen), Halbfinal 2014. Das ist die effizienteste WM-Bilanz der letzten dreissig Jahre.
Auf Rang drei steht in meinem Modell Brasilien mit elf Prozent. Carlo Ancelotti hat die Seleção im Sommer 2024 übernommen und seither eine taktische Disziplin eingeführt, die Brasilien in den vorherigen Jahren gefehlt hat. Was die Mannschaft vom Titel trennt, ist nicht das Talent — Vinícius Júnior, Rodrygo, Casemiro und der junge Endrick sind eine Achse, die jeder Topnation der Welt gefährlich werden kann — sondern die mentale Komponente in Endspielen gegen europäische Gegner. Brasiliens letzte vier Niederlagen im K.-o.-Bereich einer WM kamen alle gegen europäische Mannschaften.
Rang vier: England. Titelwahrscheinlichkeit zehn Prozent. England ist die Mannschaft, der ich von allen Topnationen am wenigsten zutraue, obwohl die individuelle Klasse mit Bellingham, Kane, Saka und Foden auf dem Niveau der Top-3 liegt. Der Grund ist die kollektive Erinnerung — drei verlorene Endspiele bei den letzten vier grossen Turnieren — und der Trainer Thomas Tuchel, der erst seit Anfang 2025 im Amt ist. Tuchel hat zwar mit Chelsea die Champions League gewonnen, aber die Übersetzung seines Vereinsfussballs auf die Nationalmannschaft ist eine offene Wette.
Rang fünf: Argentinien mit acht Prozent. Die Albiceleste ist amtierender Weltmeister und gleichzeitig die Mannschaft mit der grössten Diskrepanz zwischen Marktstimmung und sportlicher Realität. Lionel Messi wird beim Anpfiff des Eröffnungsspiels 38 Jahre und neun Monate alt sein. Sein Einfluss auf die Mannschaft ist nach wie vor erheblich, aber er ist kein Spieler mehr, der ein Turnier alleine entscheidet. Argentinien lebt von seinem Mittelfeld, von Lionel Scalonis taktischer Hand und von einer Kollektivhärte, die in K.-o.-Spielen oft den Unterschied macht.
Rang sechs: Deutschland mit sieben Prozent. Das ist der höchste Wert, den ich der DFB-Elf seit zehn Jahren in einer WM-Prognose gebe. Der Grund ist die Generation um Florian Wirtz und Jamal Musiala, ergänzt durch die Erfahrung von Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger und dem 2025 zurückgekehrten Toni Kroos. Julian Nagelsmann hat nach der Heim-EM 2024 ein Halbfinale erreicht und das Vertrauen einer Mannschaft, die sich in den drei vorherigen grossen Turnieren von der eigenen Geschichte erdrückt hatte. Sieben Prozent bedeuten: nicht wahrscheinlich, aber realistisch.
Diese sechs Mannschaften addieren sich auf 67 Prozent meiner Titelwahrscheinlichkeit. Die restlichen 21 Prozent verteile ich auf einen längeren Schweif von Mannschaften wie Portugal, den Niederlanden, Belgien und Marokko, dazu die zwölf Prozent Restwahrscheinlichkeit für alle Aussenseiter. Wer auf Topnationen tippen will, tippt auf eine dieser sechs. Wer auf eine Überraschung tippen will, sollte in den nächsten Abschnitt schauen.
Halbfinalisten: vier Plätze, acht ernsthafte Anwärter
Wenn ich auf einer Skala von eins bis zehn die Schwierigkeit unterschiedlicher WM-Vorhersagen bewerten müsste, dann läge die Halbfinalisten-Prognose bei sieben — schwerer als die Sieger-Vorhersage, aber leichter als die Vorhersage einzelner Achtelfinalpaarungen. Der Grund ist die Asymmetrie: Vier Plätze, ein Pool von realistisch acht bis zehn Anwärtern, eine Wahrscheinlichkeit pro Topmannschaft zwischen 25 und 45 Prozent.
Mein Modell sieht aktuell die folgende Halbfinal-Verteilung als wahrscheinlichste Konstellation. Aus der oberen Hälfte des Tableaus rechne ich mit Spanien und Frankreich. Beide spielen in unterschiedlichen Turnierhälften — die Vorrundenauslosung trennt Gruppe H und Gruppe I in den meisten K.-o.-Bäumen — und haben somit keinen direkten Achtelfinal-Konflikt. Aus der unteren Hälfte sehe ich Brasilien und Argentinien als wahrscheinlichste Halbfinalisten, wobei eines der beiden südamerikanischen Teams mit einer Quote von rund 40 Prozent in der Round of 16 oder im Viertelfinal an England oder Deutschland scheitern könnte.
Eine wichtige Beobachtung zur Statistik: Seit 1998 hatte jede WM mindestens einen Halbfinalisten, der zu Turnierbeginn in den Wettquoten ausserhalb der Top-8 stand. 1998 war es Kroatien (Quote 51.00), 2002 waren es Südkorea und die Türkei (Quote 81.00 und 41.00), 2006 war es Portugal (26.00), 2010 war es Uruguay (51.00), 2014 waren es die Niederlande nach einem Trainerwechsel (17.00), 2018 war es Belgien (12.00, was knapp ausserhalb der Top-8 lag), 2022 war es Marokko (101.00). Sieben von sieben Mundialen hatten einen «Aussenseiter im Halbfinal». Wer eine seriöse Halbfinal-Prognose abgibt, muss mit dieser Statistik rechnen — und genau das ist der Übergang zum nächsten Abschnitt.
Konkret: Mein wahrscheinlichstes Halbfinal-Quartett wäre Spanien, Frankreich, Brasilien, Argentinien. Die Wahrscheinlichkeit, dass exakt diese vier Mannschaften das Halbfinal erreichen, liegt bei rund vier Prozent. Vier Prozent. Das klingt wenig, ist aber im historischen Kontext überraschend hoch — die typische Wahrscheinlichkeit für ein «exaktes Halbfinal-Quartett» liegt bei einer 32er-WM zwischen einem und drei Prozent. Die Konzentration der Topmannschaften 2026 macht ein erwartetes Quartett etwas wahrscheinlicher als sonst.
Ich erwarte aber auch, dass eines der vier Felder durch eine Überraschung besetzt wird. Mein Modell sieht Marokko als wahrscheinlichsten Quereinsteiger mit rund elf Prozent Halbfinal-Wahrscheinlichkeit, gefolgt von Portugal (zehn Prozent), den Niederlanden (neun Prozent) und Deutschland (acht Prozent). Wer also gegen einen der Top-4-Favoriten als Halbfinalist tippen will, hat in diesen vier Mannschaften die statistisch besten Kandidaten.
Dark Horses: drei Mannschaften, die der Markt unterschätzt
Drei Tage vor dem Eröffnungsspiel der WM 2018 schrieb ich in einer kleinen Schweizer Sportzeitung eine Kolumne über Kroatien. Ich gab Kroatien eine Halbfinal-Wahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent, was das Vierfache der damaligen Marktstimmung war. Drei Wochen später spielte Kroatien im Endspiel gegen Frankreich. Dieser Erfolg meiner Prognose hatte weniger mit Brillanz zu tun als mit einer einfachen analytischen Disziplin: Ich hatte die Mittelfeldachse Modrić-Rakitić-Brozović höher bewertet als der Markt. Diese Disziplin nutze ich auch für die WM 2026 — und sie führt mich zu drei Dark-Horse-Kandidaten, denen ich mehr zutraue, als die Wettmärkte ihnen geben.
Dark Horse Nummer eins: Marokko. Quote auf den WM-Sieg aktuell rund 34.00, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von rund 2.9 Prozent entspricht. Mein Modell gibt Marokko 4.5 Prozent. Die Begründung: Marokko hat aus dem Halbfinaleinzug 2022 die wichtigsten Spieler behalten, der Trainerwechsel ist gut absorbiert worden, und die Vorrundengruppe C mit Brasilien, Schottland und Haiti ist eine der Gruppen, in denen ein Zweitplatziert-Werden hinter Brasilien wahrscheinlich ist. Im Achtelfinal trifft der Zweite der Gruppe C voraussichtlich auf den Ersten der Gruppe G — Belgien — und das ist ein Match-up, das Marokko taktisch entgegenkommt.
Dark Horse Nummer zwei: Niederlande. Quote rund 15.00, implizite Wahrscheinlichkeit 6.7 Prozent. Mein Modell gibt Oranje 8.5 Prozent. Die Niederlande sind im klassischen Sinn keine Aussenseiter, aber die Wettmärkte preisen sie deutlich unter Frankreich und Spanien ein. Mein Modell sieht den Vorsprung der beiden Topnationen weniger gross. Die Niederlande haben mit Cody Gakpo, Xavi Simons und Nathan Aké eine Generation, die in den europäischen Topvereinen Stammplätze besetzt, und mit Gruppe F eine Vorrundenauslosung, die Spielpraxis gegen Japan, Schweden und Tunesien bietet — also drei Gegnertypen, die die Mannschaft auf unterschiedliche taktische Herausforderungen vorbereiten.
Dark Horse Nummer drei: Norwegen. Quote rund 81.00, implizite Wahrscheinlichkeit 1.2 Prozent. Mein Modell gibt Norwegen 2.5 Prozent — was im Verhältnis zur Marktquote der grösste Unterschied aller von mir analysierten Mannschaften ist. Norwegen erreicht erstmals seit 1998 wieder eine Endrunde, hat mit Erling Haaland und Martin Ødegaard eine Achse, die in jedem Vergleich mithalten kann, und wurde in Gruppe I gegen Frankreich, Senegal und den Sieger des Play-offs 2 ausgelost. Eine Gruppe, in der Norwegen Zweiter werden kann — und damit in den Achtelfinal kommt. Im Achtelfinal wäre Norwegen für die meisten Topnationen ein gefürchteter Gegner.
Drei Dark Horses, drei unterschiedliche Pfade. Wer auf einen davon tippen will, sollte verstehen, dass jede einzelne Wette mathematisch gegen den Spieler arbeitet — die Marge ist hoch, die Wahrscheinlichkeit niedrig. Aber die Differenz zwischen meiner Einschätzung und der Marktquote ist genau das, was Wett-Analysten Value nennen, und Value ist die einzige Grundlage, auf der langfristig erfolgreich getippt wird.
Schweiz: was ich der Nati an dieser WM zutraue
Eine Frage, die mir Schweizer Leser regelmässig stellen: Wie weit kann die Nati 2026 kommen? Meine Antwort enthält drei Szenarien, gewichtet nach Wahrscheinlichkeit. Im wahrscheinlichsten Szenario — rund 40 Prozent — erreicht die Schweiz den Achtelfinal als Zweiter der Gruppe B hinter Kanada und scheidet dort gegen einen Achtelfinal-Gegner aus, der voraussichtlich eine grössere Topnation sein wird. Im zweitwahrscheinlichsten Szenario — rund 25 Prozent — wird die Schweiz Gruppensieger und trifft im Achtelfinal auf einen schwächeren Drittplatzierten. Im drittwahrscheinlichsten Szenario — rund 20 Prozent — scheitert die Nati in der Vorrunde, was nach den letzten fünf WMs ungewöhnlich wäre, aber statistisch nicht ausgeschlossen ist.
Die restlichen 15 Prozent verteilen sich auf einen Viertelfinaleinzug (rund zwölf Prozent) und einen Halbfinaleinzug (rund drei Prozent). Damit liegt mein Modell bei den K.-o.-Wahrscheinlichkeiten ein Stück über den Marktquoten — die Schweizer Sieger-Quote von 151.00 spiegelt eine implizite Wahrscheinlichkeit von 0.66 Prozent wider, mein Modell gibt der Nati eine Titelwahrscheinlichkeit von rund 0.9 Prozent. Das ist nicht viel, aber es ist messbar mehr.
Was sind die Stärken, die mich zu dieser leicht optimistischeren Einschätzung führen? Erstens die Konstanz unter Murat Yakin — seit 2021 hat die Nati eine WM mit Achtelfinaleinzug, eine EM mit Viertelfinaleinzug und eine ungeschlagene WM-Qualifikation hinter sich. Das ist die erfolgreichste Trainerphase eines Schweizer Bundestrainers in den letzten dreissig Jahren. Zweitens die zentrale Achse mit Granit Xhaka, Manuel Akanji, Gregor Kobel und Breel Embolo — alle aktuell in europäischen Topvereinen aktiv und in der besten sportlichen Phase ihrer Karrieren. Drittens die strukturelle Erleichterung des neuen Modus mit Sechzehntelfinal: Aus jeder Gruppe kommen die ersten beiden plus die acht besten Drittplatzierten weiter, also 32 von 48 Mannschaften.
Und die Schwächen? Erstens die historische Bilanz in K.-o.-Spielen, die Schweizer Tipper als «Pech» bezeichnen und Statistiker als «regression to the mean»: Die Nati ist seit 2006 in jedem K.-o.-Spiel einer WM oder EM gegen eine sportlich klar überlegene Mannschaft ausgeschieden, oft erst im Elfmeterschiessen oder durch ein Spätgegentor. Zweitens der Mangel an einem Strafraumstürmer der Topklasse — Embolo ist ein guter Spieler, aber er ist kein Spieler, der ein Achtelfinal mit einem einzelnen Geniestreich entscheidet. Drittens das Alter mehrerer Schlüsselspieler: Xhaka wird beim Anpfiff der WM 33 Jahre alt sein, Akanji 30, Yann Sommer 37. Diese Generation hat noch eine WM, vielleicht zwei, dann muss eine neue kommen.
Mein konkreter Tipp für die Nati: Achtelfinaleinzug ja, Viertelfinal als Bonus. Wer Schweizer Quoten genauer durchgehen will, findet eine vertiefte Analyse der Schlüsseldaten und Sondermärkte auf der Nati-Übersichtsseite.
Value-Wetten: wo der Markt aus meiner Sicht zu konservativ rechnet
Eine Value-Wette ist nicht eine Wette mit hoher Quote. Eine Value-Wette ist eine Wette, deren tatsächliche Wahrscheinlichkeit höher ist als die implizite Wahrscheinlichkeit der Quote. Diese Definition klingt trocken, aber sie ist die einzige, die in der Praxis funktioniert. Wer Value-Wetten findet, gewinnt langfristig — auch wenn er kurzfristig oft verliert.
Ich nenne hier vier Märkte, in denen ich aktuell echten Value sehe, ohne dass ich daraus eine Empfehlung mache. Erstens: Marokko erreicht den Viertelfinal. Marktquote rund 4.50, implizite Wahrscheinlichkeit 22 Prozent. Mein Modell gibt 30 Prozent. Differenz: acht Prozentpunkte zugunsten meiner Einschätzung.
Zweitens: Die Schweiz wird Gruppensieger der Gruppe B. Marktquote rund 2.50, implizite Wahrscheinlichkeit 40 Prozent. Mein Modell gibt 45 Prozent. Differenz fünf Prozentpunkte. Der Grund: Mein Modell rechnet den kanadischen Heimvorteil etwas niedriger als die Wettmärkte, weil Kanada im Vergleich zu den USA eine deutlich kleinere Fussballtradition hat und die Heimkulisse in Toronto und Vancouver weniger unmittelbar in einen sportlichen Vorteil übersetzt wird als bei klassischen Heim-WMs.
Drittens: Norwegen erreicht den Achtelfinal. Marktquote rund 1.85, implizite Wahrscheinlichkeit 54 Prozent. Mein Modell gibt 62 Prozent. Differenz acht Prozentpunkte. Begründung wie oben — mein Modell sieht Norwegen als Gruppen-Zweiter wahrscheinlicher als der Markt.
Viertens: Spanien wird Weltmeister. Marktquote rund 7.00, implizite Wahrscheinlichkeit 14.3 Prozent. Mein Modell gibt 17 Prozent. Differenz 2.7 Prozentpunkte. Diese Differenz ist die kleinste der vier genannten, aber sie ist die statistisch signifikanteste, weil sie auf einer breiten Datenbasis aus 24 Monaten Pflichtspielergebnissen beruht.
Vier Value-Wetten, vier Wahrscheinlichkeiten zwischen 17 und 62 Prozent, vier verschiedene Pfade. Keine Garantie, kein Tipp im klassischen Sinn — sondern vier Bereiche, in denen ein nüchterner Tipper aus meiner Sicht eine bessere Erwartung hat als der Marktkonsens. Wer diese Wetten platziert, sollte sie unabhängig voneinander spielen, niemals als Kombi, und niemals mit mehr als ein bis zwei Prozent seiner Bankroll pro Wette.
Was Sie aus dieser Prognose mitnehmen sollten
Wenn Sie nur eine Sache aus diesem Beitrag mitnehmen, dann diese: Eine Prognose ist eine Wette auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Gewissheiten. Ich gebe Spanien 17 Prozent Titelwahrscheinlichkeit — das bedeutet auch, dass ich Spanien zu 83 Prozent nicht als Weltmeister sehe. Wer eine Prognose so liest, hat den Mechanismus verstanden. Wer sie so liest, dass «Spanien wird Weltmeister», hat eine Punktvorhersage daraus gemacht, die das Modell nie war.
Die WM 2026 wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eines von drei Szenarien produzieren: einen erwarteten Sieger aus den Top-6, einen Überraschungssieger aus dem Mittelfeld der Topnationen wie 2018, oder einen nahezu ausgeschlossenen Aussenseiterfinal. Mein Modell sieht Szenario eins als wahrscheinlich, Szenario zwei als möglich und Szenario drei als sehr unwahrscheinlich. Wer auf eines dieser Szenarien tippt, sollte wissen, in welchem er sich bewegt — und sollte sich nicht von Stadionatmosphäre oder Tagesform-Diskussionen aus dem Konzept bringen lassen.
Eines noch: Eine Prognose ist eine Momentaufnahme. Diese Einschätzungen gelten zum Zeitpunkt des Schreibens, mehr als zwei Monate vor Anpfiff. Verletzungen, Vorbereitungsspiele, Kaderausschlüsse und Trainerwechsel werden meine Wahrscheinlichkeiten in den nächsten Wochen verändern, und ich werde diese Veränderungen einpreisen. Wer mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, arbeitet mit lebendigen Zahlen, nicht mit Skulpturen aus Beton.